Über dieses Buch

Arnold ist ein gutmütiger schwuler Schwabe, der in einer verrückten Kölner Agentur als Deadline-Designer arbeitet. Er hat zwei nennenswerte Ex-Freunde mit Migrationshintergrund: John, einen kostspieligen maximal pigmentierten Tänzer, den er vom Broadway importiert hat sowie Adam Horvat, einen jungen Ungarn mit dem Hang zum Werfen von Küchenutensilien.

Beide haben Arnold dazu verleitet, sich vom monogamen Beziehungsmodell zu verabschieden. Seither streunt er mit seiner besten Freundin durch die Stadt. Alle Geschichten, an die sie sich noch erinnern konnten, haben sie in dieser schwulen Biergrafie für ihren nicht existenten Nachwuchs niedergeschrieben. Dabei wird viel gelacht, getrunken, geschunkelt und geflucht.

Die einer Großstadt wie Köln immanente Erlebnisdichte bei gleichzeitiger provinzieller Beschaffenheit der Bewohner der Rheinmetropole verleitet die zwei Protagonisten nämlich zu einem Grundgefühl, das man getrost mit 365 Tagen Schützenfest pro Jahr beschreiben könnte. Ungünstige Umstände treiben sie in den größten Puff Europas, als Mietnomaden nach Frankfurt oder fast nach China, wenn da nicht in letzter Sekunde ein rettender Frühstückskorb angeflogen käme.

Das Ergebnis

Wie Leberwurst aus dem Lidl und die Plazenta einer Frau zusammenhängen oder warum Beziehungen zwangsläufig dazu führen, dass man nicht mehr nach Hause möchte, wird in diesem Buch allgemeinverständlich und ausführlich beantwortet.

Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, ob der Mensch bereits vor dem Konsum von Alkohol bekloppt war oder ob ihn der Alkohol bzw. das Leben irre gemacht haben. Eine kurzweilige Reise durch eine Welt, in der alle verrückt zu sein scheinen. Dabei lassen die Protagonisten nichts unversucht, um sich die Diskrepanz zur Normalität mit legalen Mitteln (Kölsch) wegzusaufen. Dass dabei ausgerechnet die größte Verletzungsgefahr für Leib und Leben besteht, wenn man einmal aus Versehen nichts getrunken hat, spricht nicht gerade für ein nüchternes Dasein inmitten von Veganern und Yoga-Lesben.

Innenansichten eines homosexuellen Schwaben.

Zu den Autoren:

Arnold Gerhardt (*1970) lebt seit den 90er Jahren in Köln, von wo aus er die Welt als Art Director schöner macht. „Meine schwule Biergrafie“ ist sein erstes Buch. Und weil Gerhardt nicht so gerne schreibt, hat er seine Freundin Diana Knezevic gebeten, die Biergrafie für ihn zu verfassen. Um ganz ehrlich zu sein, hat er sie gar nicht gebeten. Sie hat es einfach getan, weil sie ihm zum Geburtstag keine Tasche schenken wollte, sondern lieber ein Buch.

Diana Knezevic (*1971) ist eine der Welt völlig unbekannte Autorin und hat für diesen Titel zusammen mit ihrem Freund mehrere Jahre an den Tresen der Stadt Köln recherchiert. Dieser Band ist der 2. Teil einer Trilogie von Biergrafien. Ein Plädoyer für gelebten Alkoholismus sowie eine Anleitung zum gesunden Trinken ohne soziale Kontrolle. Der dritte Band ist in Arbeit und heißt „Meine heterosexuelle Biergrafie. Ficken und Saufen als olympische Disziplin“.

Wichtiger Hinweis

Dieses Buch ist sehr informativ für alle, die immer schon mal wissen wollten, was ein schwuler Schwabe mit Hang zum Alkoholismus für Innenansichten hat. Es besteht keine Gefahr für jugendliche schwule Schwaben, und es wird ausdrücklich darauf verzichtet, zur Nachahmung zu animieren.

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Die besten Zitate

  • Kein Grund ist auch ein Grund

    "Irgendeinen Grund zum Feiern gibt es schließlich immer, und wenn der Kölner keinen Grund zum Feiern hat, dann erklärt er die Tatsache, dass er keinen Grund hat, zum Grund."
    Best of schwule Biergrafie
  • Presswehen im Hirn

    "Kreativität ist keine göttliche Gabe, sondern eine chronische Presswehe im Gehirn."
    Best of schwule Biergrafie
  • Grundlos glücklich

    „Ach, heute gar kein Karneval / Geburtstag / Hochzeit / Lichterfest / Straßenfest / Jubiläum / CSD? Da kann ich ja glatt mal ganz in Ruhe ein Kölsch trinken.“
    Best of schwule Biergrafie
  • Schwule Ungarn

    "Ein schwuler Ungar hat es sehr schwer. Seien Sie mal etwas oder jemand, von dem der Rest der Bevölkerung leugnet, dass es das gibt!"
    Best of schwule Biergrafie
  • Plädoyer

    „Die Einflussnahme eines Partners auf unser Leben hat schlicht derartig fürchterliche Folgen, dass wir jede weitere sexuelle Verstrickung, die länger dauert als eine Nacht, zukünftig unbedingt vermeiden sollten.“
    Best of schwule Biergrafie
  • Definition Menopause:

    "Meine Kolleginnen machen aus einer Mittagspause eine Menopause."
    Best of schwule Biergrafie

Inhaltsverzeichnis

Prolog
Kap. 1: Mein Leben als Integrationsbeauftragter
Kap. 2: Mein Leben ohne Handys
Kap. 3: Mein Leben als Designer
Kap. 4: Mein Leben als Hebamme
Kap. 5: Mein Leben als Blitzverliebter
Kap. 6: Mein Leben als Urlauber
Kap. 7: Mein Leben als Mietnomade
Kap. 8: Mein Leben als Globetrotter
Kap. 9: Mein Leben im Puff
Kap. 10: Mein Leben als Unfallopfer
Kap. 11: Mein Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Riester-Ente
Absacker oder Nachwort

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 197 KB
Seitenzahl: 109 Seiten
Verlag: Meinbierverlag (1. August 2012),
2. überarb. Auflage August 2014
Copyright: Diana Knezevic, Köln
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Schwäbischen:
Diana Knezevic
ASIN: B008RX4KPI
Durckexemplare & Leseproben: www.flyerking.de
Preis eBook: 5,98 Euro

Prolog

Ich bin ein schwuler Schwabe. Viele Menschen verbinden nichts Gutes mit den Schwaben. „Schaffe, schaffe, Häusle baue.“ Das ist das schwäbische Lebensprinzip und geht nicht selten mit einer ausgeprägten Form von Geiz einher. Dieses Lebensmotto ist aber nicht meins. Ich besitze weder ein Haus noch würde ich behaupten, gerne schaffen zu gehen. Geizig kann ich auch nicht sein, weil ich in der Regel nur über geringfügige finanzielle Mittel verfüge. Das meiste Geld investiere ich nicht in Immobilien, sondern in Alkohol. Aber glauben Sie jetzt nicht, den würde ich ständig alleine trinken. Im Gegenteil: Ich gebe mein Geld gerne mit vollen Händen aus, sofern ich überhaupt welches besitze.
Leider wird ein Großteil meines Gehalts direkt am Anfang des Monats von meinem Konto abgebucht. Für Kredite, die ich vor vielen Jahren mal aufgenommen habe, um meinen Freund John aus New York mit Cocktails, Ballettstunden und Sushi zu versorgen. Er war ein maximal pigmentierter Tänzer vom Broadway und ich fand’s einfach saumäßig sexy, wenn er Arnold zu mir sagte, mit diesem breiten und speziellen New Yorker Akzent. Arnould. Klingt doch geil, oder? Und immer, wenn er etwas von mir haben wollte, also meistens, dann sagte er Arny.

Vom Broadway nach Köln

Aber nach eineinhalb Jahren – ich war beruflich in New York, wo ich John in einer Bar kennengelernt hatte – musste ich wieder zurück nach Köln-Ehrenfeld in das Headquarter der verrückten Agentur, für die ich als Senior Art Director arbeite. Jetzt dürfen Sie jedoch nicht denken, ich sei steinalt. Das Senior haben die Geschäftsführer nur vor meine Berufsbezeichnung gesetzt, damit die jungen Dinger, die nach mir eingestellt worden sind, als Junior Art Director anfangen konnten. Das kostet die Firma weniger Geld. Geld. Da ist es wieder.
John begleitete mich nach Deutschland und zog bei mir ein. Am Broadway gab es gerade nichts für ihn zu tun – gab es eigentlich nie wirklich –, und so hatten wir beschlossen, unser aufregendes Leben, das überwiegend nachts stattfand, in Köln fortzuführen. Ist auch etwas billiger als in New York.

90 Zentimeter Glück

Wie ich schon andeutete, lebe ich nicht auf großem Fuß. Meine Wohnung besteht aus schnuckeligen 35 Quadratmetern. Da kommt man quasi rein, steht in der Küche mit zwei Herdplatten und einem großen amerikanischen Kühlschrank, und wenn man einen Schritt weiter geht, ist man in einem weiteren Raum und fällt direkt auf eine Matratze. Die Matratze ist nur 90 Zentimeter breit, damit sie nicht so viel Platz wegnimmt in dieser kleinen Bude. Und nein, ich bin nicht kleinwüchsig. John auch nicht mit seinen 1 Meter 80. Fragen Sie mich bitte nicht, wie es zwei ausgewachsene Männer geschafft haben, auf 90 Zentimetern zu schlafen. Vermutlich haben wir einfach gar nicht geschlafen, sondern die Stadt leer gesoffen. Womit ich wieder bei den eingangs erwähnten Krediten wäre. So ein Amerikaner, der bekommt ja nicht so einfach mir nichts, dir nichts eine Arbeitserlaubnis in Deutschland. Und damals gab es die eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle noch nicht. Deshalb habe ich ihn, so gut ich konnte, mit durchgezogen. Vermutlich war das illegal, allerdings kann ich mich als Kreativer nicht auch noch mit Gesetzen beschäftigen. Gesetze gehen mir am Arsch vorbei. Ich habe John schließlich geliebt, und wer möchte mir das verbieten?

Liebe auf den 1. Blick

Offenbar ist also nicht jeder Schwabe geizig, merke ich gerade. Die meisten Schwaben sind aber auch nicht schwul. Ich glaube, deshalb bin ich damals recht schnell nach dem Abi zum Design-Studium nach Köln gezogen. Die Rheinmetropole galt damals schon als Mekka für Männer wie mich. Dabei sehe ich übrigens überhaupt nicht schwul aus, falls Sie geneigt waren, mich als Werbeträger von Gucci, Prada und Dolce & Gabbana zu fantasieren. Ich rasiere mich nicht besonders gerne, deshalb laufe ich meistens mit einem Dreitagebart herum. Meine Stimme ist tief und keineswegs tuckig. Das kommt angeblich vom Rauchen. Und mit meinen lustigen T-Shirts, den Jeanshosen und den bunten Turnschuhen betrachte ich mich eher als sportlichen Typen, obwohl ich in meinem Leben noch keinen Sport gemacht habe, außer von einer Kneipe zur nächsten zu laufen. Dabei kann man allerdings einige Kilometer zurücklegen. Das macht einen schlanken Fuß, würde meine Freundin Diana sagen. Die würde auch sagen: Das einzig Sportliche an dir ist dein Duschgel. Witzige Person, aber leider eine Frau und lesbisch, weshalb wir schlecht heiraten können. Da hat uns die Natur wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich habe sie vor einigen Jahren auf einer Frauenparty im Alten Wartesaal am Dom kennengelernt, wo sie sich aus Versehen betrunken mit der Zunge an einer Kollegin von mir abgestützt hatte. Auch so eine Redewendung von ihr: Sich aus Versehen mit der Zunge an jemandem abzustützen, statt zu knutschen. Als sie fertig war mit ihrem Kuss und die Augen öffnete, blickte sie in mein Gesicht, weil ich den Vorgang neugierig aus nächster Nähe inspiziert hatte. Wir wurden einander vorgestellt und gingen Hand in Hand zum Tresen, um Getränke zu besorgen. Seitdem sind wir unzertrennlich. Das ist manchmal einfach so. Liebe auf den ersten Blick, ein erstes gemeinsames Kölsch. Danach eine Zigarette.

Kleinfamilien klatschen

Ja, auch Schwule können Liebeskummer haben! Und geh mal als schwuler Schwabe mit Liebeskummer auf die Straße. Das bringt dich um den Verstand. Da guckst du dir die Leute an und findest sie allesamt scheiße. Pärchen, die sich nach dem offensichtlichen Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit an den Arsch fassen und knutschen, Menschen, die vergnügt mit ihren Hunden Gassi gehen, Kleinfamilien mit domestizierten Vätern, die beim Fahrradfahren Helme tragen – ekelhaft. Ich meine, ich habe nichts gegen Kinder, im Gegenteil. Ich wäre ein prima Vater oder ein toller Onkel. Doch wenn du an Liebeskummer leidest, dann steht dir der Sinn extrem nach Kleinfamilienklatschen. Und damit ich in meinem Frust keine Kleinfamilie unnötig tötete, schleppte ich mich meist erst gegen Mittag wie eine missverstandene, ausgemergelte Kröte ohne Bezugsgruppe ins Büro. Abends gegen 22 Uhr lief diese Kröte, die sich wünschte, die KVB-Busflotte möge bitte über sie drüber fahren, müde in die Kneipen im Bermuda-Dreieck. Das ist das Viertel rund um die Schaafenstraße in Köln, in dem sich alle Schwulen zu einer großen trinkenden, schwitzenden und schunkelnden Masse vereinigen. Das Ex-Corner zum Beispiel ist meistens von abends um sieben bis morgens um sieben Uhr geöffnet. Dort hab ich in meiner scheußlichen Situation Abend für Abend versucht, John mit diversen Gläsern Weißwein, einem Hektoliter Kölsch und einer Flasche Wodka aus meinem Hirn zu saufen. Diana sagt immer, man müsse bestimmte Probleme einfach weg ignorieren, denn dann seien sie quasi nicht vorhanden. Aber mein Problem war ja, dass mein Hauptproblem fort war: Der Mensch, um den ich mich immer gekümmert hatte. Um wen sollte ich mich jetzt kümmern? Ich konnte unmöglich damit beginnen, etwas weg zu ignorieren, das von selbst verschwunden war. Damit hätte ich mich doch belogen. Zudem schien mir das paradox. Und so beschloss ich, mich stattdessen in Selbstmitleid und Alkohol zu suhlen.

Der schwule Ungar

Wie dem auch sei. Irgendwann, also nach drei gefühlt leer gesoffenen Freibädern voller Weißwein, Kölsch und Wodka, traf ich auf Adam Horvat. Das war ein junger, muskulöser Ungar mit einem hübschen Gesicht, der immer nach teurem Parfum roch und sehr niedlich und charmant lächeln konnte, wenn er nicht gerade die Traumata seiner schweren ungarischen Kindheit zu verarbeiten suchte. Ein schwuler Ungar hat es nämlich noch schwerer als ein schwuler Schwabe, müssen Sie wissen. Seien Sie mal etwas oder jemand, von dem der Rest der Bevölkerung leugnet, dass es das gibt.
Dieser Typ hat sich in mich verliebt. Warum, wollen Sie wissen? Vermutlich, weil mein Beruf seinem Traum entsprach. Ein klassischer Fall von Projektion. Aber ich verliebte mich auch in ihn. Vermutlich, weil ich es toll fand, dass mich jemand toll fand. Außerdem hielt ich es für extrem sexy, wie er meinen Namen aussprach. Arrrnolt. Arrrnolt hier, Arrrnolt da. Er fing jeden Satz mit meinem Namen an. Das gab mir das Gefühl, dass ich noch existierte und nicht auf dem Grund eines dieser leer gesoffenen Freibäder lag. Kurz: Ich konnte Dank Adam Horvat unter dieser blöden Straßenbahn hervorklettern, die mich über ein Jahr lang mit sich durch die Stadt geschliffen hatte.
Rückblickend würde ich warnend den Zeigefinger heben und allen schwulen Schwaben raten: Vorsicht! Obacht! Der Ungar an sich unterscheidet sich nämlich sehr stark vom schwulen Schwaben, was sein Temperament betrifft. Wenn so ein Ungar mal ausrastet, dann empfiehlt es sich, in Deckung zu gehen. Der darf auch niemals eifersüchtig werden. Wenn ein Ungar eifersüchtig wird, dann ist es so, als schüttete er den Jahrhunderte lang aufgestauten Zorn des gesamten Balkans in Form eines Eimers voller Scheiße über dich drüber. Dabei bin ich eher ein harmoniesüchtiger Typ und sehr umgänglich. Streit kann ich nicht ertragen. Ich koche gerne ausgefallene Gerichte, speise gerne mit meinem Freund, schaue einen guten Film auf DVD mit ihm an – und dann schlafe ich ein. Sex lasse ich jetzt mal außen vor. Das Buch heißt ja Meine schwule Biergrafie und nicht Meine schwulen Sexkapaden.
Doch Adam Horvat hat es jeden dritten Tag geschafft, irgendeinen Grund zu finden, um mit mir zu streiten und mit mir zu schimpfen.
„Arrrnolt! Warrrum hast du den Typen so lange angestarrrrt?“
„Arrrnolt! Warrrum hast du nicht aufgerrräumt?“
„Arrrnolt! Warrrum gesst du immer am Wochenende arrrbeitn?“
„Arrrnolt! Warrrrum hast du mich gestern nicht angerrrrufn?“
Einmal hat er sich sogar in meiner kleinen Küche umgedreht und nach irgendetwas gesucht, das er werfen konnte. Tassen, Gläser, Flaschen. Gott sei Dank kein Messer! Einmal ist er sogar nachts besoffen durch mein Hoffenster in meine Parterrewohnung eingedrungen. Ich selbst war noch nicht zu Hause, sondern im Ex-Corner am Tresen bei meinem Kumpel und Lieblingskellner, der schwulen Emilie, einen kleinen Absacker trinken. Als ich gegen vier Uhr heim kam, lag Adam auf meiner 90-Zentimeter-Matratze und schlief wie ein Engel. Um aber überhaupt in meine Wohnung hineinkommen zu können, musste er meine komplette Fensterbepflanzung inklusive der Terrakotta-Töpfe zerstören. Meine liebevoll arrangierte Osterkomposition, bestehend aus Narzissen, Primeln… Sie wissen schon, was ich meine. Das lag alles zerschmettert auf dem Boden des Innenhofes!
Man kann ja einiges mit mir machen, ehrlich, aber meine Pflanzen, die sind mir heilig! Das war übrigens auch einer der ausschlaggebenden Gründe, warum ich mit Adam Horvat zusammen blieb. Ich weiß, das klingt wieder paradox. Aber paradoxe Logik, die als solche eigentlich nicht existiert, wird Ihnen bei der Lektüre der folgenden Seiten noch häufiger begegnen. Mit Adam konnte ich prima in Dinger’s Gartencenter einkaufen gehen. Und immer, wenn wir uns gestritten hatten, versöhnten wir uns mit einem romantischen Ausflug zu diesem Gartencenter am Stadtrand.

Duschen für den Weltfrieden

Aber auch der ungarische Despot Adam Horvat verschwand eines Tages nach drei anstrengenden und gleichzeitig aufregenden Jahren aus meinem Leben. Ich hatte ihm noch seine Bewerbungsmappe gestaltet für seine Ausbildung als Mediengestalter, was er selbst niemals hinbekommen hätte, weil ein Ungar in der Regel recht bäuerliche Wurzeln hat. Nichts gegen Landwirtschaft, aber Kunst kommt ja auch von Können, und Adam war eher ein Handwerker. Aber egal. Und danach ging es bergab mit unserer Beziehung. Ständig rief er mich in der Agentur an, um mich zu beschimpfen. Irgendwie schien er sehr unzufrieden zu sein. Eifersüchtig, gestresst, keine Ahnung. Ich könnte nicht mit Geld umgehen, lautete einer seiner Vorwürfe.
„Welches Geld?“ antwortete ich darauf. „Ich hab doch keins!“ Und weil ich nicht wusste, was sein Problem war, ging ich abends wieder zu Emilie ins Ex-Corner, um zu trinken, um meine Ruhe zu haben, weil ich mich nicht mehr ducken wollte, wenn er mit Gegenständen nach mir warf.
Diese Nächte am Tresen fielen aber nicht ganz so lang aus wie die Nächte damals in der Phase, in der mich John verlassen hatte. Meistens lag ich gegen vier Uhr bereits im Bett, weil Diana mir dazu geraten hatte, morgens etwas pünktlicher in der Agentur zu erscheinen. Die Kolleginnen hatten schon angefangen, über mich zu lästern, da ich mich angeblich ein wenig hatte gehen lassen.
„Du musst wenigstens kurz duschen und dich rasieren“, schimpfte Diana mit mir. „Oder schütte dir Parfum über den Kopf, damit du nicht so nach Kneipe riechst.“ Diesem gut gemeinten Rat folgte ich an mindestens drei Tagen in der Woche bereitwillig und leider auch etwas restalkoholisiert. Schließlich hat Diana bereits eine Art Ratgeber geschrieben, der heißt Meine lesbische Biergrafie. Frauen, Sex und Alkohol. Insofern wird sie wissen, wie sich ein professioneller Alkoholiker zu kleiden und zu gebärden hat.

Der Milchkaffee-Tester

Mein dubioses Fluchtverhalten zu Emilie an den Tresen trug augenscheinlich nicht dazu bei, meinen temperamentvollen Ungarn zu besänftigen. Eines Tages stand er grinsend mit so einer jungen Schwuppe vor mir und stellte mir diesen Typen als seinen neuen Freund vor. Der muss mindestens 13 Jahre jünger gewesen sein als ich. Und wie ich schon erwähnte: Ich bin nicht besonders alt, sondern mit meinen ungefähr 42 Jahren eher ein Mann im besten Alter. Dazu verfüge ich über einen mir inhärenten Hang zur modernen Kunst und über eine große Affinität zur Popkultur. Das äußert sich beispielsweise dergestalt, dass ich für mein Leben gerne Oberteile mit außergewöhnlichen Motiven oder Sprüchen trage. Too old to die young. Oder: Music is the weapon of the future. Oder: Good music I dance. No good music I not dance. Ich weiß Kunst und Kultur schlicht in gebührendem Maße zu goutieren. Leider wusste Adam Horvat nicht zu goutieren, dass ich all dies zu goutieren wusste. Vielleicht beneidete er mich auch um die Fähigkeit, Dinge in der Welt wertzuschätzen, die andere mit ihrer Art zu denken und mit ihrem Drang, etwas zu gestalten, geschaffen hatten. Kreativität ist nämlich keine göttliche Gabe, sondern eine chronische Presswehe im Gehirn. Kreativität lässt dich nie zur Ruhe kommen, weil jeder optische Reiz eine Kettenreaktion auslöst und automatisch in einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang eingefügt wird. Jede Postkarte, jedes Werbeplakat, jedes Lifestyle-Cover, jede Getränkekarte, jeder Turnschuh. Und wer kann das besser beurteilen als ich, der seit Kindertagen an Kreativität leidet?
Adam hatte sich also jemanden gesucht, der nicht an diesen chronischen Presswehen im Gehirn litt und eher zu der Kategorie schwuler Milchkaffeetester gehörte. Schwule Milchkaffeetester sitzen den ganzen Tag in Cafés und rühren im Milchschaum herum. Dabei scannen sie ihre Umgebung nach Fickfleisch. Folgerichtig beschloss ich, meine nächtlichen Trinkgelage wieder bis morgens um sieben auszuweiten. Aber da mich Diana ja gewarnt hatte, erschien ich nach nur drei Stunden Schlaf trotzdem pünktlich gegen zehn Uhr in der Agentur.

Lieber Bluthochdruck als Ungarn

Daraufhin bekam ich Bluthochdruck. Zu wenig Erholungsphasen, zu wenig gesundes Essen, zu viele Zigaretten, zu wenig Sport und wohl auch ein bisschen zu viel Alkohol, wenn man ein Schwimmbecken voller Kölsch unbedingt als Indikator für Maßlosigkeit bezeichnen möchte. Seitdem muss ich Tabletten schlucken. Beta-Blocker. Selbstredend habe ich meinen Arzt gefragt, wie sich diese Tabletten mit Alkohol vertragen würden. „Gut“, meinte er. Dann sei ja nichts dagegen einzuwenden.
John, den Traumtänzer vom Broadway, habe ich nie wieder gesehen. Adam Horvat, der ungarische Despot mit dem Hang zum Werfen von Küchenutensilien, schleicht immer noch in meinem Revier herum. Wenn er ausreichend Alkohol getrunken hat, kommt er mit seinem mittlerweile etwas fülliger gewordenen Leib in der Bar auf mich zu, schaut mich traurig mit seinen dunklen Augen an und seufzt: „Arrrnold, was ist aus uns geschehen?“
Was aus ihm „geschehen“ ist, weiß ich. Er ist an seinem Design-Studium verzweifelt, denn der schwule Milchkaffeetester, den er sich gecastet hatte, vermochte ihm nicht dabei behilflich zu sein. Ich persönlich hatte ja schon zwei Hobbys, bevor John und Adam in mein Leben getreten waren, um es auf den Kopf zu stellen. Mir ging es ohne die beiden ganz gut. Ich hatte meine Arbeit und ich hatte das Ex-Corner, in dem ich regelmäßig mein – zugegeben etwas ausuferndes – Feierabendbier trinken konnte. Aus mir war also im Prinzip nichts weiter „geschehen“. Ich lebte weiter wie bisher und verbrachte mehr Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden. Um Adam an solchen Abenden loszuwerden, gewöhnte ich es mir an, ihm ein paar Kölsch auszugeben und einfach heimlich zu verschwinden, sobald er auf Toilette musste.
Das war die Einleitung zu meinem ersten und wohl auch letzten Buch, die Ihnen kurz aufzeigen sollte, warum ich eigentlich der Integrationsbeauftragte der Stadt Köln bin: Weil ich mich rührend um unsere schwulen Mitmenschen mit Migrationshintergrund zu kümmern vermag. Und das, obwohl ich als Schwabe im Rheinland selbst einen Migrationshintergrund aufweise.

Das sagen die Leser:

  • Erfrischend echt!

    "Ich bin durch Zufall auf das Buch gestoßen und habe es mehr aus Langeweile angefangen. Das war ein echter Glücksgriff! Geiler Humor und krasse Insights. Ein Muss für schwule Jungs und ganz sicher für Kölner."
    PinkLadyRezension bei Amazon (Meine schwule Biergrafie)
  • Warum lesen?

    Man braucht das Buch nicht zu lesen, um zu wissen, dass es mal wieder grandiosest aus knezewitziger Feder geflossen ist. Sollte man aber! Die übersetzung aus dem Schwäbischen verleiht dem Ganzen eine ganz besondere Note.
    go westRezension bei Amazon (Meine schwule Biergrafie)
  • So viel Schönes!

    "Dieses Buch enthält weitaus mehr, als es auf den ersten Blick zu versprechen scheint: So viel Schönes und Wahres über unsere Zeit und Welt, in der wir gegenwärtig leben."
    HannesRezension (Meine schwule Biergrafie)

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